Interview: Troy

Im Herbst '95 waren Chokebore zum zweiten Mal in Europa, um ihre neue Platte 'Anything Near Water' bei uns live vorzustellen. In 15 europäischen Ländern absolvierten sie insgesamt 51 Konzerte, und das ist gut so, denn auf der Bühne kommen sie mit nochmal soviel Kraft rüber als auf Platte. Nur folgerichtig, daß sie ihr Label im kommenden März schon wieder auf Tour schickt, und zwar in Begleitung der allseits geschätzten Tocotronic.
Nach dem dem zweiten Gig ihrer diesjärigen Tour im Berliner Knaack Club hatte ich Gelegenheit, mit Gitarrist und Sänger Troy ein Interview zu führen.

Sag doch erst mal was zu deinen Namen. Auf der ersten Platte stand ja, daß du Troy Miller heißt. Auf der neuen Platte nennst du dich plötzlich Troy Bruno von Balthazar. Was davon ist wahr?

Ich wurde als Bruno von Balthazar geboren, habe den Namen aber selbst ändern lassen, als ich ungefähr 13 war und mir überlegte, daß ich näher an der Wirklichkeit leben sollte. Als Kind lebte ich auf Hawaii, und andere haben mich die ganze Zeit gehänselt, weil ich Bruno hieß.

Wo kommt der Name her?

Keine Ahnung, meine Mutter hat ihn mir gegeben. Sie kommt aus Rußland, ich kann mich aber an ihren Nachnamen nicht mehr erinnern.

Warum hast du dich dann für Miller entschieden?

Mein Vater hat das getan, er heißt so. Ich will jetzt aber wieder meinen richtigen Namen tragen.

Bleiben wir bei Namen. Warum hat sich euer Trommler auf dem neuen Album als Niemand - "none" - verewigen lassen?

Weiß nicht, wahrscheinlich, weil er die meiste Zeit nicht dabei gewesen ist. Aber wir haben ja jetzt auch einen neuen Drummer, Christian.

Warum habt ihr euch von Rice Cube (= Jungle Boy = none) getrennt?

Wir drifteten in verschiedene Richtungen auseinander, persönlich gesehen, aber auch musikalisch betrachtet. Das kann bis zu einem gewissen Punkt ganz spannend sein, aber irgendwann klappt es zusammen nicht mehr.

Weißt du, was er machen wollte?

Er bringt jetzt anderen Leuten das Tennisspielen auf Hawaii bei.

Nein, ich meine, was er musikalisch ändern wollte?

Das weiß ich nicht so genau. Aber er hat nicht geliebt, was die Band tat. Und das ist sehr wichtig. Wenn es um Musik geht, ist sie der wichtigste Aspekt einer Band. Er mochte das Trommeln zu dieser Art Musik nicht besonders, da ist es keine Frage, daß man sich trennen muß.

Wann war diese Trennung?

Vor zwei Monaten. Er war wirklich nicht schlecht, hat ziemlich hart gespielt, aber das wichtigste ist wie gesagt die Musik. Und wenn sie einer nicht gut findet, paßt er nicht in die Band. James, Jon und ich sind Chokebore für immer! Und Christian ist unser neuer Schlagzeuger, wir probieren ihn noch aus, und es läft auch recht gut bisher, aber was weiter wird kann ich noch nicht sagen. Aber ich weiß, daß wir weiter machen werden mit unserer Musik.

Seid ihr mit Christian schon mal live aufgetreten, bevor ihr hier auf Tour gegangen seid?

Ja, ein paarmal.

Er hat mir erzählt, daß er vorher noch gar nichts von Chokebore geschweige denn von AmRep gehört hatte.

Stimmt, er kommt aus einer anderen musikalischen Ecke. Aber er ist ein sehr guter Schlagzeuger, und konnte sich von Anfang an in unseren Stil hineinfinden. Ich hoffe, daß er dabei bleibt.

Habt ihr zusammen schon irgendwelche neuen Lieder aufgenommen?

Ja, wir waren vor zwei Wochen in Los Angeles im Studio und haben drei neue Songs aufgenommen. Wahrscheinlich die besten, die wir je geschrieben haben. Das letzte Album war schon auf einem besonderen Level, aber die neuen Song sind noch viel stärker.

Werdet ihr sie auf einer Single herausbringen?

Wir werden sie für unser nächstes Album aufheben. Wir haben schon 7 Songs fertig geschrieben und wollen ein wirklich kräftiges Album hervorbringen.

Hast du keine Lust auf Singles?

Doch, ich mag Singles. Ich verstehe nur nicht den Gedanken, der dahinter steht und wie man so eine Single angehen soll. Das wichtigst für mich ist ein richtig gutes Album.

Was hast du getan, bevor Chokebore existierte?

Ich habe einfach Songs komponiert, so für mich. Ich habe hunderte davon zu Hause. Ich habe auch viel geschrieben. Das ist wirklich das beste, Musik und Schreiben.

Hast du dich auch schon mal als Maler versucht?

Nein, aber ich bin der Meinung, daß mein Schreiben ähnlich wie Malen ist, denn was ich mit Worten auszudrücken vermag, könnte ich auch mittels Farben ausdrücken. Aber ich habe noch nie versucht zu malen. Ich könnte ein Bild auf zehn Seiten beschreiben, doch das habe ich noch nicht getan. Meine Mutter malt. Sie ist seit zehn Jahren Kunstlehrerin tätig.

Lebt sie noch auf Hawaii? Besuchst du sie oft?

Ja, gleich im Anschluß an diese Tour werde ich hinfahren. Sie ist eine wirklich unglaubliche Frau. Sie schreibt, denkt sich Drehbücher aus, sie malt und betätigt sich noch in anderen künstlerischen Richtungen. Sie ist eine große Inspiration für mich.

Wie viel Zeit verbringt ihr in L.A., wo ihr wohnt?

So wenig Zeit wie möglich.

Habt ihr, Jon, James und du, euch schon in eurer Kindheit getroffen?

Wir haben uns als Teenager in der Punkrock-Szene in Hawaii getroffen. Wir spielten alle in verschiedenen kleinen Punkbands und lernten uns so kennen. Wir kamen dann zusammen und wollte etwas anderes machen als Skate-Punk. Raus hier, wir wollen unsere eigene Musik machen.

Ihr ward bei der letzten Amerikatour von Nirvana deren Support-Band. Was ist es für ein Gefühl, auf einer großen Bühne zu stehen und die vielen Leute vor einem zu sehen?

Zu den Konzerten auf der Nirvana-Tour sind wirklich Massen von Menschen gekommen...

Wie viele so im Durchschnitt?

20 000. Unglaublich. Einen Abend spielte wir in einem kleinen Club vor fast niemandem, am nächsten Abend traten wir mit Nirvana auf. Das war am Anfang ziemlich erschreckend, aber wir haben uns einfach ganz doll auf die Musik konzentriert. Im Endeffekt war es dann recht einfach, weil man sowieso keine Gesichter im Publikum erkennen kann. Man weiß überhaupt nicht, was die da unten denken. Aber wenn man dann mit einem Song fertig ist und alle klatschen, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl. Es ist wie eine Welle, die dich ü berrollt, dieser ganze Krach da oben. Es hat echt Spaß gemacht und war eine gute Erfahrung für uns. Zunächst muß man eine große Portion Mut aufbringen, um da raufzugehen, und nach der Show, wenn es gut gelaufen ist, muß man sich zusammennehmen, um nicht auszuflippen und auseinanderzubrechen.

Könntest du dir vorstellen, nur in solchen Größenordnungen aufzutreten?

Das wäre hart. Ich meine, es gibt da keinen persönlichen Kontakt. Man sieht nur viele, viele, viele Kids, die durch die Gegend hopsen. Wir würden aber sicherlich wieder auf solchen Konzerten auftreten.

Hat diese Tour eure Popularität vorangetrieben?

Das kann ich nicht genau sagen, vermutlich.

Das ist ja nun auch sicherlich einige Zeit her, Nirvana gibt es ja nun nicht mehr, wie ich hörte.

Das stimmt. Wir waren sogar bei ihrem letzten amerikanischen Auftritt dabei, in Seattle.

Hast Du schon die neue Platte von Dave Grohls neuer Band gehört?

Foo Fighters, ja ich kenne die Single aus dem Radio. Find ich aber nicht so toll, ein bißchen dünn. Das klang mir nicht ehrlich genug, aber vielleicht irre ich mich. Das Wichtigste in der Musik ist, daß man ehrlich ist, denn es gibt so viele Leute da draußen, die versuchen, die Musik zu kontrollieren und zu beeinflussen. Man muß ehrlich zu sich selbst sein. Wir wollen in unserer Musik nicht rumlügen oder irgendwelche Radiohits landen. Wir machen unsere Musik, und vielleicht mögen es einige Leute. Hoffentlich, denn wir sind ziemlich arm. Aber ich bin lieber arm, kann aber die Musik machen, wie ich sie haben will, anstatt irgendwas zu spielen, wobei ich kein richtiges Gefühl empfinde. Das ist manchmal auch ziemlich hart.

Dick

Der Wahrschauer #29 (Februar - April 1996)