Hell? Etwas weniger dunkel!

Auch wenn ihr Coverartwork aus einem 'Onelinedrawing' besteht und ihre Musik die Schwere der sie beatmenden Gefühle mit jedem Ton spüren lässt - mit Emo im herkömmlichen Sinne haben Chokebore nicht zu tun.

Troy, Jon und James haben inzwischen den größeren Teil ihres Lebens mit Chokebore verbracht. Erklären können sie immer noch wenig. Die Songs kommen einfach so aus ihnen raus, warum sich die eine Platte von der anderen, im speziellen Fall das neue Album "It's a Miracle" sich vom Vorgänger mit dem bezeichnenden Titel "Black Black" unterscheidet, weiß niemand. Ist halt so gekommen. "Vielleicht waren wir in einer etwas weniger dunklen Stimmung" mutmaßt Gitarrist John. Wohlgemerkt und höchst bezeichnend: Er sagt nicht "hell", sondern "etwas weniger dunkel". So sind Chokebore: traurig, aber nicht selbstbemitleidend. Langsam, aber nicht behäbig. Verloren, aber nicht resignativ. Im Gegenteil: Wenn eine kalifornische Band mit ihrer fünften Platte zum sechsten Mal in Europa auf Tour ist, aber dennoch nur knapp einhundert Zuschauer auftauchen, weiß man ziemlich schnell, mit was für einer Sorte Musiker man es zu tun hat: mit Getriebenen. Erst kommt die Musik, dann lange Zeit nichts. So erstaunt es auch nicht, dass Troy und Jon verwundert, ja fast schon entrüstet reagieren, wenn man sie darauf anspricht, dass sich viele Leute gefragt hatten, ob die Band noch existiert. Troy: "Bei uns gab es da gar keine Zweifel. Wir haben die ganze Zeit Musik geschrieben, waren in Japan und den USA auf Tour. Dann kam eine Pause, in der wir uns um private Dinge gekümmert haben, aber das war im normalen Rahmen, wie es viele Bands machen. Das Ende von Chokebore stand nie zur Debate." Der Albumtitel, so Troy weiter, möge deshalb auch nicht missverstanden werden: "Das Wunder bezieht sich nicht darauf, dass wir zurück sind, sondern vielmehr darauf, dass wir immer noch da sind, dass wir immer noch Musik machen. Musik spielt immer noch eine große Rolle in unserem Leben, und das finde ich manchmal selbst bemerkenswert: dass wir immer noch so großes Interesse an der ganzen Sache haben." Und so fällt es ihm auch nicht schwer, mit sicherem Blick die Frage nach dem Warum zu klären: "Es ist interessanter als alles andere, was man machen kann. Es macht Spaß, einen Song zu schreiben, es ist einfach ein gutes Gefühl." Chokebore sind und bleiben die Gitarrenmeister der musikalischen Schwermut, die zwar zerbrechlich wirkt, aber dennoch auf seltsame Weise Kraft ausstrahlt - und wenn es auch nur die Kraft ist, die einen im Sog des Leidens nach unten zieht. Spaß ist jedenfalls nicht die erste Assoziation, die einem bei dieser Band in den Kopf schießt. Jon grinst - gequält. "Es stimmt: Unsere Songs sind emotional tiefgehend. Sie sind oft traurig. Die interessantesten Dinge entstehen eben meist dann, wenn man zweifelt, wenn man irgendwie Angst hat. Und trotzdem bereitet es uns auf eine bestimmte Art Spaß und Vergnügen, sie zu spielen. Es ist ein gutes Gefühl, etwas zu erschaffen, was eine gewisse Schönheit besitzt." Dieses Gefühl, da sind sie sich sicher, wiegt alles andere auf, wie Troy abschließend bekräftigt: "Wir haben uns bewusst für das entschieden, was wir machen. Natürlich wäre es einfach, Pop-Songs zu schreiben, die die entsprechenden Leute hören wollen. Aber so sind wir nicht."

Ingo Neumayer

Visions #112 (Juli 2002)