Interview: Jon & Troy, 2002/05/09, Cosmotopia, Dortmund

Chokebore - Offenbarung

»I'm not ashamed of what we were, I love the
waiting. Every song is always pure, I love the waiting.
It's like I swim in sound and the way it
feels means everything for me.
I'm not afraid of where i'll go, I love the waiting.
... It's our way and our way is right.«

[»I Love Waiting«]

Am Tag des Chokebore-Interviews ist Meisterfeier. Über Dortmunds Hauptbahnhof wacht der Fußballgott, die Rolltreppe transportiert schwarz-gelb gewandete Leiber aus Schweiß. Im Presse-Shop kaufe ich ein Ansichtsexemplar mit »This boy Arne« auf dem Cover. Der Verkaüfer: »Oh, SPEX. Schon mal was von Revelation gehört, die ist viel besser.« - Wie, besser? Nicht nachfragen, nicht heute. Chaostag.

Seine Fortsetzung folgt sozusagen anti-thetisCh: T-Shirt-Kartons, Kabelagen und Gitarrenkoffer (gefühlte Anzahl: mindestens 20) füllen das Cosmotopia, Boy Division proben ihren Auftritt als Vorband, von Chokebore werden Fotos und Soundchecks gemacht. Hallo Rockshit, schön dich zu sehen.
Einige Zigaretten später sitze ich mit Troy B. Balthazar (Gesang, Gitarre, Songwriting) und Jonathan Kroll (Gitarre) in tiefen Backstage-Sesseln, das Tempo um uns mäßigt sich, wir können anfangen...

»It's a Miracle« beginnt mit einer Passage, die an ein an-ironisiertes Rock-Klischee denken lässt. Der Text des Openers »Ciao L.A.« handelt von der Tournee zu eurer letzten LP »Black Black« und dem Gefühl von Isolation und Leere, das sich anschließend aufgetan hat. Was hat diese Tour mit euch gemacht?

Troy: »Black Black« war schon hart, irgendwie. Zurück in Los Angeles brauchten wir Abstand, um uns von den ganzen Konzerten zu erholen. »Ciao L.A.« steht für einen dunklen Moment, in dem diese Erfahrungen reflektiert wurden, was aber nicht heißt, dass uns die Tour runtergezogen hat. Im Gegenteil. Sie war etwas Besonderes.

Irgendwann zu dieser inzwischen vier Jahre zurückliegenden Zeit war ich auf einem Chokebore-Konzert, das im Forum/Enger stattgefunden hat (ehemalige Konzert-adresse und mehr bei Bielefeld, Anm. d. A.). Im Vorprogramm spielte eine lokale Oberstufen-Band, die sich mit verblüffendem Ergebnis darin übte, wie ihr zu klingen und so. Der Club war mehr als ausverkauft, jeder Gast ein Fan, es war unglaublich, fast schon zu viel. Nach eurem Auftritt habe ich eine Platte gekauft, auf dessen Cover Troy ein paar Worte geschrieben hat: »My brain fell out«. Hat dieser Abend Angst gemacht? (Troy und Jon begutachten das mitgebrachte »piece of evidence«, die fahrig beschriftete »Anything Near Water«-Platte. Zeit für Nostalgie.)

Troy: Mann, Enger, unvergesslich. Wir sind drei oder vier Mal dort aufgetreten, das Konzert damals war großartig. Da wir an diesem Tag allerdings sehr müde waren, hatten wir zwischendurch Schwierigkeiten, die Euphorie des Publikums angemessen zurückzugeben. Das war unser Problem an diesem außergewöhnlichen Abend. Wie nett, dass du dabei warst.

An welchem Ort haltet Ihr euch am liebsten auf?

Jon: Schwierige Frage. An keinem bestimmten, glaube ich. Ich bin am liebsten unterwegs, zwischen den Orten, und gewinne jeder Umgebung etwas Eigenes ab.

Troy: Ich bin gerne im Studio. Oder am Strand. Ich mag Hamburg.

Was auch für »Ich mag Tocotronic« steht. Chokebore haben 1996 eine Split-Single mit Tocotronic aufgenommen, es gab gemeinsame Konzerte, man erinnert sich gerne. Die mitgebrachte Mai-Ausgabe der SPEX ist bereits zu Interviewbeginn an Troy und Jon gegangen, wobei besonders die dreiteilig gelöste Covergestaltung gefiel.

Troy: »This boy is Tocotronic« konnten wir noch nicht hören, leider. Aber natürlich haben wir Kontakt zu Tocotronic. Zuletzt haben wir uns vor ein paar Tagen auf dem Konzert in Hamburg getroffen. Das war gut.

Eure neue Platte klingt anders als die spröderen Vorgänger nach schlicht geschliffener Perfektion. War das Absicht?

Troy: Oh. Vielen Dank, mal überlegen. Wir hatten praktisch die letzten vier Jahre mit »It's a Miracle« zu tun, zählt man alle Augenblicke des Schreibens usw. mit. Von daher sind die Stücke schon sehr weit.

Jon: Aber Perfektion war nicht das Ziel.

Troy: Nein, eher wollten wir etwas dichtes, Schönes schaffen, etwas, das als Ganzes anspricht und dabei die unterschiedlichsten Gedanken und Stimmungen birgt. Um Professionalität ging es nicht, wenngleich es mich nicht stört bzw. sogar freut, wenn jemand die Platte von der technischen Seite her würdigt.

Welches Wunder wird eigentlich mit »It's a Miracle« angesprochen?

Troy: Das Wunder, das nur Musik ausdrücken oder bewirken kann. Musik ist der Mittelpunkt von allem.

Chokebore scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein. Nach einigen Jahren ohne Veröffentlichung in Albumlänge hätte man Experimente, einen klar markierten Neuanfang erwarten können. Stattdessen schließt »It's a Miracle« an die abgründigen Pop-Momente von »Black Black« an und bezieht sich gerade nicht auf das vermeintliche Wunder, dass es Chokebore überhaupt noch gibt. Troy und Jon haben nie wirklich an ein Auflösen der ehemaligen AmRep-Band gedacht, die nun mehr denn je Einheit zu sein scheint: Auf dem Cover sind die Gesichter der vier Bandmitglieder im Relief abgebildet, gezeichnet von einer einzigen, alle Konturen verbindenden Linie, die im Chokebore-Schriftzug begonnen hat. Als Strukturmerkmale der einst auf Hawaii gegründeten Band halten sich Freundschaft, schleppende Über-Melodien mit angenehm viel oder wenig Kraft, dunkelblauer Gesang. Neue Akzente setzen Klavier- und fein gemasterte Gesangsparts.

Weder Jon, der als Künstler lebt und arbeitet, noch Troy, der abgesehen von Texten und Liedern »not so much« macht (Freunde treffen, der Strand, lesen halt), fühlten sich jemals zu leer für Musik. Bessere Situationen lassen einen »we could learn to be forceful« singen (»Be Forceful«), von Trennung und Unverständnis zerriebene Tage werden symbolisch beantwortet, wie etwa in »Police« - einem Lied, das sich über subtile Umwege gewisser Songfolien der Ex-Band um Sting bedient.
Wenn der beste Rat, den Troy bislang angenommen hat, jener war, egal was kommt, an einem Leben mit und von Musik festzuhalten, während Jon sich gut gemeinten Hinweisen gegenüber verhalten bis verschlossen gibt, dann ist der Unterschied zwischen den zwei Ansichten wahrscheinlich gering, und spricht wohl für das, was Chokebore bindet: Gegensätze, Differenzen und Widersprüche werden als fließende Gedankenübergänge verstanden. Wie klug.

Letzter Blickkontakt im kleinen Kreis: Sie sind gelöst, okay mit sich. Abendsonne zeichnet den Raum weich, Boy Division scheppern von nebenan herein, es wirkt betäubend mild hier. Das anschließende Chokebore-Konzert: ein Glücksbringer.


Chokebores »It's a Miracle« ist bei Pale Blue/Zomba erschienen. Danke an Jon für Ruhe und ein »reconnect«, die Wertung einiger meiner Musikvorlieben als »Nick-Drake-ish« und den Hinweis auf »Farewell to an Idea«.

Doris Achelwilm

Spex #256 (Juli 2002)