Chokebore - It's a Miracle

Wenn das Weltenende eine in Zeitlupe ablaufende Endlosschleife aller Momente persönlichen, alle Grenzen der Selbstachtung niederreißenden Schmerzes ist, haben Chokebore mit »It's a Miracle« einen formidablen Soundtrack für dieses Ereignis erschaffen. Der Moment, in dem eine Situation sich langsam in Richtung Katastrophe neigt, wird dabei auf diesem Album auf eine Weise zerdehnt, die das Ergebnis so zärtlich klingen lässt, dass einem bei aller Trauer ganz warm im Magen werden kann.
Das erste Stück gibt sich in den ersten Momenten, von drei Akkorden und dem fordernden Schlagzeug angetrieben, so energisch, dass jene Phasen, in denen die Gitarren, von dem zügigen Rhythmus des Stückes unbeeindruckt, innehalten, ein direkt fühlbares Gefühl der Leere hinterlassen. Der Sänger singt dazu von dem Leben in L.A.; nach der Tour in diese Stadt eingeschlossen zu sein. Hoffnung findet sich nur im Blick zurück und in weite Ferne. Von dem Tempo der Stadt erlöst, kreisen die folgenden Stücke, in denen die unterwegs empfundenen Momente der Trauer im Rückblick zu Momenten der Freiheit werden.
Die brachialen Ausbrüche, auf die frühere Chokebore-Alben hinzuarbeiten schienen, wird man hier zuerst nicht finden. Keine Sorge, sie sind natürlich da, aber in einer Form, die, weit weniger ungehobelt, die eigene Brachialität in einer Art (wiederum zärtlicher) Verlegenheit zu betrachten scheint. Dadurch ändert sich der Blickwinkel innerhalb der Songs grundlegend: Es ist, als würden jetzt die lauten Stellen auf die sie umgebende, von Klavier und Akustikgitarren umspielte Ruhe hinarbeiten.
Sollte das Ende aller Dinge tatsächlich im Sinne dieser Musik verlaufen, so wird jemand, wer auch immer nun dafür zuständig ist, die Welt, sie in beiden Händen haltend, jedes Detail mit entrücktem Lächeln betrachtend, mit aller nur möglichen Sorgfalt und Liebe langsam zerquetschen, bis die Reste, in ihrer vollständigen Zerstörung längst unkenntlich, in unendlicher Leere auf ewig verharren.

Jan Niklas Jansen

Spex #255 (Juni 2002)