Interview: Jon & Troy, 2002/05/09, Cosmotopia, Dortmund

Chokebore - Traurige Lieder zum Glücklichsein

Das Cosmotopia in Dortmund ist einer der schönsten Clubs in Deutschland. Von außen sieht der ehemalige Sexschuppen aus wie die Villa Kunterbunt, von innen hat es die angenehme Wohnzimmer-Atmosphäre des ehemaligen Liquid Sky in Köln, nur ist hier alles ein bisschen runtergerockter, und es stehen keine Elektro-Poser-Geräte in den Ecken rum. Der Raum, in den vielleicht 150 Leute reinpassen, ist komplett mit alten Teppichböden ausgelegt, und es gibt eine kleine Sofasitzecke. Auch Chokebore sind begeistert von dem kleinen Laden, in dem sie heute abend spielen werden. Die Sonne scheint, es ist herrlich, noch ein bisschen draußen zu sitzen. Nicht wirklich das Wetter, um sich "Black Black" von 1998, das vielleicht beklemmendste Album seit Joy Divisions "Closer", anzuhören - und deswegen passt es so gut, dass das aktuelle Album "It's a Miracle" sonnig wirkt. Troy B. Balthazar und Jonathan K sind bester Dinge. Das erste, was auffält: Der wache Blick und die großen, aufmerksamen Augen von Sänger Troy. Als würde er seine Umgebung absorbieren, sich alles ganz genau angucken und einen Sinn in dem suchen, was er sieht. Das ihm das oft nicht gelingt, hört man der Musik von Chokebore an.

Troy: Ich habe mich früher völlig aus der Welt zurückgezogen, nur Musik und Texte geschrieben. Ich habe keine Zeitung gelesen, kein Fernsehen geguckt, ich wusste nicht, was da draussen los war. Es war für mich auch nicht wichtig: Wichtig war, was in meinem Kopf passierte. Das war gut für die Musik. Mittlerweile bin ich etwas entspannter, das hört man auf "It's a Miracle" auch: Es gibt in der Welt auch interessante Sachen, man muss beides machen: Sich ausklinken, um Musik zu machen, aber auch rausgehen und Spaß haben.

Was macht ihr denn so, um Spaß zu haben?

Troy: Lernen. Das kann sehr viel Spaß machen.

Jonathan: Ich gehe nicht in Clubs oder ins Kino. Mir macht es Spaß, Musik, Kunst zu machen. Oder einfach durch diese seltsame Welt zu laufen und zu beobachten.

Troy: Ich gehe manchmal aus. Ich habe einen großen dicken Freund, der gerne viel trinkt. Also gehen wir aus und trinken viel. Das macht Spaß. Und er bezahlt immer alle Biere. Er merkt es gar nicht...

In was für Bars geht ihr denn?

Troy: In die schlimmsten Bars in Los Angeles. Aber mit diesem Kumpel macht es Spaß.

Eure älteren Platten klingen fast wie ein Aufschrei, in dem sich Frustration und Depression entladen. Ein leiser Schrei...

Troy: Man muss einfach schreien. Es ist so schwer, in dieser Welt aufzuwachsen. Die Welt ist ein sehr sonderbarer Ort. Man braucht sehr lange, um das zu akzeptieren. Ich begreife auch die Menschen nicht; z. B. in Konzertsituationen. Ich stehe auf der Bühne und gucke in die Augen der Menschen, und ich begreife sie nicht.

Gibt es denn eine ganz spezielle Konzertsituation, die sich in dein Gedächtnis eingebrannt hat?

Troy: Wir hatten während der "Clusterfuck"-Tour 1993 ein Konzert in Portland, Maine. Nur ein Zuschauer war da, er stand im Dunklen, etwas abseits. Und wir haben einen Song so perfekt gespielt, so schön, ich habe mich gefühlt, als würde ich über der Bühne schweben, ich habe gesungen und gespielt, aber ich war nicht da. Das war der perfekte Moment.

Sascha Ziehn

Intro #97 (August 2002)