Another Fine Mess

1998/10/10 - Moloko @ Glashaus, Berlin

Konzertwochenende in Berlin - klingt schön, kann aber auch anders. Was uns z. B. der Auftakt im Roten Salon der Volksbühne mit Bobby Conns und seiner Kapelle lehrte, hinsichtlich derer ich immer noch rätsele, welchen Weg sie eigentlich beschreiten wollten. Brauchen jedenfalls dringend 'nen Sänger... "Skin Graft" rult halt doch nicht immer. Samstags großes beautiful-people-gathering at the Glashaus: bei Moloko gab's dazu allerdings solange Nicht-erwartet-bodenständig-Funkiges - das nenne Retro, wer mag - zu eintönigem Gesang, bis die Chanteuse charmant Heiserkeit eingestand, sich einigermaßen kräftig vokal an ihrem Hit verhob, abbrach und ihre gesamte Bagage von der Bühne entschwand. 'til the next time... hättet ruhig noch gepflegt weiterfunken können, Jungs. Freundliches Publikum, siehe oben, werfen nicht mit Lehm, ziehen nicht wieder DM 40 ein.

1998/10/12 - Chokebore, Drugstore @ Knaack, Berlin

Montag dann zu Chokebore, ganz große Live-Band, immer gewesen, damals im JuZi aufn Sonntag, verregnete Nacht, riesiger Gitarrensound und heute, verregnete Nacht..., heute kann ich es anscheinend gleich vergessen, weil die Gästeliste meinen Namen nicht hergibt, dabei präsentiert unser Glanzblatt die ganze Angelegenheit auch noch. Meinen Schlüssel biet' ich ihm als Pfand, dem Kassierer, wenn er mich reinläßt, damit ich nach 'nem Funktionär suchen kann. "Ich bin hier der Funktionär", kommt es zurück, meine Taktik ist gründlich durchkreuzt, nun gilt es, gut Wind zu machen - was mir erstaunlicherweise gelingt -, bis der gute Mann ein Einsehen hat und mich reinläßt. Drinnen ist es gut voll, und unsere Freunde aus Hawaii sind schon bei der Arbeit: Gesang, verzweifelt wie dünn aus dauerhaft verzerrtem Sängergesicht, wuchtige Rhythmusarbeit, gelegentlich hübsch verschachtelt unterwegs, und diese Chokebore-Gitarren: braten zu zweit eine Melodik ins Volk, die sich gewaschen hat. Traurig klingen die, traurig und in ihrer repetitiven Trauer ausbrechend, mitreißend. Hits, die wir besser nie in den Charts treffen, Hits, denen wohl nie ein großer Erfolg beschieden sein wird, aber: scheißt drauf! Und haut rein, dafür lieben wir Euch dann... für eine äußerst dynamische Angelegenheit, die mich Grippeschwächelnden ergreift, eine Angelegenheit, die zwar auf der mir bekannten Platte ("Anything Near Water") soundlich nicht funktioniert und daher danebengeht, aber in einer Live-Clubatmosphäre offensichtlich immer zündet. Haben auch neue Stücke an Bord, bei denen sie sich Zeit lassen, auf den Punkt zu kommen: das muß nicht schlecht sein, aber auch nicht immer der Königsweg, und harrt zumindest zuweilen noch der Überarbeitung. Insgesamt äußerst solvente Performance. Wer Gitarren mag und sich nicht daran stört, daß der Gesang keinesfalls zu eingehende Hooklines produziert, der sollte zur nächsten Tour dackeln. Und, by the way, darauf achten, daß die Mannen aus Honolulu schön den Headliner geben und dann dementsprechend lange Zugaben geben; mir kam es recht kurz vor, und denen, die es von Anfang an gesehen hatten, auch. Hey, die Leute blechen gut für Euch!
Drugstore läuteten dann die Konzertsaison aus, und da gehörten sie auch hin. Biedermannsrock mit Cello als leidlich pikanter Note. Die recht unterhaltsam veranlagte Sängerin teilte mit, erkältet zu sein, rotzte ins Mikro, gab sich zur Genesung kräftig den guten Roten und versuchte sich mit mehr und weniger Erfolg am Baß. Das letzte Mal, wo ich jemanden on stage sich am Baß so die Kante geben sah, war in meiner eigenen kleinen Punkrockkapelle, und das gereichte uns zuweilen gar nicht so zu Ehren. Bei Drugstore kommt es auch darauf natürlich nicht an, ihren Hit haben sie dann auch noch gespielt, jetzt weiß ich endlich, von wem dieses schauderhafte "Kill sä Präsidäänt" (lautschriftlich, eigentlich "El Presidente", na ja) ist, welches mich bei jungstudentischen Kreuzüberzappelbudenveranstaltungen schon immer so mißmutig gestimmt hat. Wo warst Du, Thom Yorke? Wird sicherlich 'ne Menge Leute geben, die diese Band brauchen, die Crowd gab sich erfreulich reserviert ob des Gebotenen, und die Zugaben ersparte ich mir präventiv. War doch ein schöner Abend. Es ist, um mit einem Altmeister zu schließen, immer wieder erstaunlich, wie subjektiv man die Welt empfinden kann.

Folke Schneider

Intro (1998/11/02)