Chocotronic

Chokebore, diese Kompaktpackung hawaianischer Gemütsakupax, begleitet uns inzwischen eine mittlere Ewigkeit. Wir freuen uns immer noch wie die Kinder, wenn wir anläßlich einer neuen Veröffentlichung der Band mal wieder dieses göttliche, von 'AmRep Germany' - Chef Anthony in bestem 'Sterns County Deutsch' verfaßte '93er Presse-Info ausgraben dürfen. 'Das einzige Demo, daß wir '93 bekommen haben war phantastisch, un war Chokebore' schrieb er da über die 'Grüppe von Empörklimmungen', auf die er schon damals alle Hoffnungen setzte. Diesen Monat veröffentlicht das mittlerweile in L.A. arbeitende Quartett um Frontmann Troy Bruno von Balthazar mit 'Black Black' ihr viertes Album - und schwarz, schwarz ist es in der Tat (siehe auch Review im Hörtest). Keine Musik, um des Nachts im Regen auf Autobahnbrücken spazieren zu gehen. Tocotronic-Sänger und -Gitarrist Dirk v. Lotzow, ebenfalls bekennender Chokebore-Verehrer, sprach während der gemeinsamen Akustik-Set-Tour der beiden für uns mit Troy, über den Anthony '93 schrieb: 'Ich erwartete mit einer kaputter, besoffener Iggy so Pop Mann zu sprechen, aber ich war richtig überrascht wann ich ihm so enthusiastisch und energisch fand.'

Lieder schreiben

T: Ich kann das nur dann, wenn ich alle äußeren Einflüsse ausgesperrt habe. Wenn ich die Songs oder Texte von anderen nicht an mich ran lasse, dann erst bin ich offen genug, daß irgendwann die Worte beginnen zu fließen. Wie heute. Da habe ich eine Geschichte geschrieben, Seite für Seite floß sie aus mir heraus. Das war so cool.

D: Das Wichtigste für Dich ist also, dich völlig darauf zu konzentrieren, was in dir vorgeht?

T: Alles, was in mir geht, ist eine Reflexion dessen, was ich gesehen oder erlebt habe. Ich möchte die Sachen so schreiben wie ich sie fühle, nicht durch andere gefiltert.

D: Wäre es dir deshalb unmöglich, soziale oder politische Themen aufzugreifen?

T: Ja. Mich interessiert beim Schreiben nur das, was gerade in mir vorgeht. Die Art, wie ich etwas gesehen habe - oder wie ich sehe, daß andere Leute Dinge sehen...

D: Mir gefällt das Bild, wie du dasitzt und in deiner eigenen Stille versinkst. Hat das für dich einen meditativen, spirituellen Charakter?

T: Fuck Spiritualität. Ich würde sagen, heute habe ich etwas gefühlt, und es hat sich angefühlt, wie es sich anfühlen sollte, nämlich so, daß ich meine Gitarre überall mit hin nehmen muß, um zu sehen, was geht.

D: Aber auf Tour hast du doch gar nicht die Zeit und die Ruhe.

T: Ich lerne es. Ich lerne immer schneller, mich alleine zu fühlen. Früher brauchte ich Tage, aber mittlerweile schaffe ich das in anderthalb Stunden - weil ich einfach muß.

Zuhause

D: Du kommst aus Hawai, fühlst du dich hier irgendwie... fehl am Platz?

T: Ich habe mich sehr lange heimatlos gefühlt, wenn wir lange auf Tour waren, aber ich gewöhne mich daran. Inzwischen kann ich das sogar recht schnell. Ich fühle mich diesmal ganz wohl in Deutschland. Momentan ist es mein Zuhause, und ich habe eine Menge Freunde hier.

D: Wenn Du in Hamburg bist und bei mir oder Anthony wohnst, fühlst du dich dann richtig wohl, oder denkst du eher 'naja, ich bin jetzt zwar hier, aber das ist eben nicht mein Zuhause, zu Hause bin ich in L.A. oder Hawai, oder...'

T: Ich glaube mein wahres Zuhause ist in was-weiß-ich-wo, verstehst du... es ist nicht L.A. und auch nicht Hawai. Aber das ist ok.

D: Und du fühlst dich ganz glücklich dabei...

T: Ich fühle mich nie glücklich.

D: Fühlst du dich gut?

T: Aber nicht glücklich.

D: Gut, aber nicht glücklich!

T: Yeah.

D: Vielleicht ist das eine ganz gute Beschreibung für diesen ganzen Job: Gut, aber nicht glücklich.

Neue Platte

D: Euer neues Album ist das zweite, daß ihr im 'Blackbox'-Studio in Frankreich aufgenommen habt. Wir nehmen im Oktber zum zweiten Mal dort auf. Fühlt man sich geborgener, wenn man zum zweiten Mal in ein Studio geht?

T: Nein, nicht wirklich. Ich denke, beim nächsten Mal gehen wir wieder woanders hin. Wir mögen das Studio wirklich gerne, wir haben zwei Alben dort aufgenommen, das haben wir noch nie gemacht. Der Sound im 'Blackbox' ist brillant, aber beim nächsten Mal würde ich lieber etwas tiefer stapeln, vielleicht etwas mehr auf Vierspur arbeiten. Zuhause ein paar Vierspur-Aufnahmen gemacht, das klang ziemlich gut.

D: Ich habe noch nie mit Vierspur-Technik gearbeitet, eigentlich habe ich es immer gehaßt.

T: Warum?

D: Es ist zu schwierig zu beherrschen.

T: Stimmt, so richtig kann ich es auch nicht. Ich kann halt auf vier Spuren aufnehmen, aber wirklich damit umgehen kann ich nicht.

D: Ich habe nie herausgefunden, wie das geht. Ist es dir jemals gelungen, einen Videorecorder zu programmieren?

T: [lacht] Nein, das kann ich auch nicht. Ich bin wirklich schlecht in diesen Dingen.

D: Meine Theorie ist: Niemand kann das. Viellleicht zwei oder drei Menschen auf der ganzen Welt - besonders gut ausgebildete Menschen.

Zukunft

D: Was plant ihr so in der nächsten Zeit?

T: Mhm...

D: Das ist lächerlich, du mußt diese Frage beantworten.

T: Oh ja, das ist richtig. Mhm... wir gehen auf Tour. September und Oktober, ausschließlich kleine Clubs. Eine gute Sache.

D: Ihr habt viel in Deutschland gespielt, kannst du dich noch an alle Clubs erinnern, in denen ihr aufgetreten seid?

T: Yeah!

D: Die Clubs in Berlin zum Beispiel?

T: Das ist alles, an was ich mich von der Stadt erinnere, weil es alles ist, was ich gesehen habe. Aber je öfter du Orte besuchst, desto mehr erschließen sie sich dir. Es braucht Zeit, eine Stadt kennenzulernen. Man kommt wieder, versucht, vielleicht über Nacht zu bleiben, Leute zu treffen, vielleicht sogar Freundschaften zu schließen.

D: Gehört die Möglichkeit, auf der ganzen Welt Leute kennenzulernen, zu den Dingen, die dich darin bestärken, weiter Musik zu machen?

T: Ja. Es macht Spaß, seltsame Leute an seltsamen Orten zu treffen. Ich habe in den abgefahrensten Gegenden Freunde, hier in Deutschland zum Beispiel.

Intro (1998/08/10)