Chokebore - Der Rest deines Lebens

Kühe. Katzen. Kleine Hunde. Ein Hahn kräht die Marseillaise. Die Sonne scheint, Mücken schicken kleine Stoßtrupps durch die Gegend, die oft und gerne Beute machen. Wo normale Menschen urlauben und sich die Plauze bräunen lassen, wird schwerstgearbeitet. Musik liegt in der Luft. Sie irrt laut, ohne wirklich in Krach auszuarten. Eine seltsame, sich geschickt um Klischees schlängelnde Traurigkeit schwängert die Melodiebögen und legt den Grundstein für die eigenartigen Gesangslinien, die Troy Bruno Von Balthazar einzusingen noch nicht bereit ist. Erst muß noch ein längeres Telefongespräch geführt werden. Nach Schweden...

Im Sommer des letzten Jahres passiert dies auf einem zum Studio umfunktionierten Bauernhof irgendwo in Frankreich. Chokebore machen gerade, mitten in ihrer sechsmonatigen Europatour, zwei Wochen Pause, um die Aufnahmen zu "A Taste for Bitters" hinter sich zu bringen. Sechs Monate später wird Troy wieder telefonieren. Diesmal wird er in einem Hotelzimmer irgendwo an der Westküste der USA sitzen und am anderen Ende der Leitung einen deutschen Schreiber haben, der wissen will, warum gerade Frankreich als Aufnahmeort ausgesucht wurde. Troy wird antworten: "Wir versuchen, soviel wie möglich zu erleben, uns durch andere Gegenden neu beeinflußen zu lassen, unseren Horizont zu erweitern. Deshalb wollten wir nicht in ein Studio gehen, in dem wir schon einmal waren. Wir wollten nicht mal in den Staaten aufnehmen. Als wir in Europa waren, erklärten wir unserer Plattenfirma, wir würden in Frankreich aufnehmen. Sie sagten: 'No way.' Also haben wir es getan."
Und damit eine weitere Erfahrung gemacht, die man neben unzähligen anderen ins Ablagefach des Gedächtnisses packen kann. Dort zwischen "Honolulu - wie alles begann", "Clusterfuck - 11 Länder, 30 Shows", "Als Austauschschüler in Hamburg bei Dirk, Arne und Jan" und "Smells like Stadion" den richtigen Platz zu finden, ist sicherlich nicht ganz einfach. Trotzdem sollten sich die Jungs nicht zu viel Zeit lassen, denn neue Taten warten schon. Momentan wird die Westküste betourt, Lowercase, ebenfalls "AmRep", dürfen den Vorturner machen. Gleich danach geht es zurück nach Europa, wo in vier Monaten einhundertzwanzig Shows (!!!) abgerissen werden. Wie hält man so was durch? "Ich weiß nicht. Vielleicht tun wir das ja gar nicht. Ein bißchen bescheuert muß man wohl sein, das ist wahr. Aber wenigstens hält uns dieser Streß auf Trab." Und das Privatleben? "Das gibt es eben nicht, dafür ist überhaupt keine Zeit. Sollten wir die nächsten fünf Monate überleben, werden wir wahrscheinlich erst mal Urlaub von Chokebore machen müssen. Aber soweit denke ich eigentlich nicht."
Lacht und macht sich auf die Socken. Troy ist schon ein lustiger Gesell. So brauchte er damals, während des Anrufs nach Schweden, gar nicht lange, um eine dort ansässige Freundin zu überreden, ihm die Texte des neuen Albums in ihrer Heimatsprache vorzulesen. Das Resultat: "The Rest of Your Evening". Ihr werdet es merken...

Christian Kruse

Intro (1997/01/02)