Chokebore sind wahnsinnige Therapeuten

Die Fähigkeit, das komplette Seelenleben bis hin zur psychotischen Desillusion zu zerbröseln, beherrschen Chokebore nun bereits seit fünf Jahren. Chokebore-Songs vereinnahmen dich, wecken traumatische Assoziationen, fast brutal melancholisch. Kongruent verhalten sich musikalische Artikulation - mal noisig attackierend, mal melodisch harmonisierend oder einfach nur stoisch daherkommend - und Troy Millers leidgeplagter, aber dennoch ermutigender Gesang. Kein Moment ist ignorierbar, da irgendwie extrem depressiv und doch auch wohltuend, immer mit dem Bemühen, Kontraste in Einklang zu bringen.

Bedarf es vielleicht eines gewissen Maßes an psychischer Stabilität, um Songs wie "Foreign Devils on the Silk Road" vom im März erschienenen Album "Anything Near Water" zu verarbeiten und wieder geradeaus fühlen zu können? "Ich glaube nicht, daß der Hörer so hypersensibel auf unsere Songs reagiert, ich denke, jeder hat seine eigenen individuellen Interpretationen, die dann auch ganz unterschiedliche Gefühle hervorrufen können. Natürlich machen wir keine 'happy music'. Die Songs beruhen auf Eindrücken des täglichen Lebens, und das besteht nun nicht nur aus Sonnenschein", so Lyriker Troy Miller. In der Annahme, daß in Honolulu wohl niemals die Sonne für Bands des Alternative Rock-Genres scheinen werde, zog das Quartett bereits vor der ersten Veröffentlichung auf Tom Hazelmeyers "Amphetamine Reptile"-Label, der 7"-picture-disc "Nobody" (leider vergriffen), nach L.A. Noch im selben Jahr erschien der Debüt-Longplayer "Motionless", und die nicht gerade labeltypischen Chokebore belärmten dann zusammen mit Kollegen von Today Is The Day und Guzzard auf der Clusterfuck-Tour erstmals auch Europa. Schnell avancierte man zum Geheimtip, und ihr ureigen kreiertes Artefakt schien sich allmählich als kompatibel zu erweisen, noch bevor der Begriff "Losercore" designed wurde (Loser-Noise-Core wäre hier treffender). Mit Fragen nach Einflüssen, Vergleichen oder persönlichen Faves (sprich Name-dropping) braucht man den AmReppern nicht zu kommen. So erwähnte Troy auch nicht den Namen Kurt Cobain, dem die Band sicherlich einiges zu verdanken hat. Im Herbst '93 spielten Chokebore zehnmal den Support für Nirvana - insgesamt vor mehr als 150.000 Besuchern.
"Es war damals ein unglaubliches Gefühl für uns, vor so vielen Leuten zu spielen. Auch die gemeinsame Zeit mit Nirvana außerhalb der Konzerthallen war sehr schön, wir haben oft in irgendwelchen Clubs einfach nur abgehangen und viel Spaß gehabt", beschreibt Troy Eindrücke eines für ihn nicht zu vergessenden Erlebnisses. Eindrücke, die sicherlich auch in "Anything Near Water" hineininterpretiert werden können. Ein Album, das sein Dasein primär in emotional berauschenden Orgien begründet sieht, versehen mit einem künstlerischen Ausdruck par excellence und schnörkelloser und strukturierter als sein Vorgänger, könnte auch konventionellere Ohren und weniger sensible Gemüter erreichen.

Stefan Epping

Intro (1995/08/20)