Chokebore - It's a Miracle

Weil ja heute alles Emo ist

Aus der eigentlichen Dichotomie Hawaiianischer Herkunft und elegischem Deprocore ist eine Band entstanden, die seit nunmehr zehn Jahren diejenigen verzückt, die mit ihr in Berührung kommen und ihr gleichzeitig gewachsen sind; die Rede ist von Chokebore.

Gegründet 1992 in Honolulu, brachten sie bald ein Album nach dem anderen heraus, Alben, auf denen sie ihren erstaunlich eigenen Stil mit aller Rücksichtslosigkeit verfolgten und vorantrieben - ohne dabei jemals die ganz große (kommerzielle) Anerkennung zu finden. Das ist bei Formationen wie Chokebore einerseits sehr tragisch, andererseits ist es wohl fast ein Naturgesetz, dass so eine Band Geheimtipp bleiben muss, um bis ans Ende aller Tage fernab von jeglicher Vereinnahmung durch 'die Industrie' in ihren Indie-Strukturen verharrend Super-Songs basteln zu können.

1993 waren Chokebore - damals noch im Zeichen des Grunge - mit Nirvana auf Tour, und in Frankreich sollen sie heute Stars sein. Inzwischen schreibt man viel über sie, ihr aktuelles Album fand durchaus Beachtung in der hiesigen Musikpresse. Aber wie gesagt, reich und berühmt sind Chokebore dadurch nicht geworden.

Im Mai diesen Jahres erschien "It's a Miracle", nach vier Jahren Pause das mittlerweile fünfte Studioalbum der Hawaiianer. Fanatische Anhänger in aller Welt bekamen schon Wochen bevor sie zum Plattenhändler stolperten schwitzende Hände vor Erregung. Würde der Meilenstein "Black Black" von '98 in seiner Intensität und Verzweiflung noch zu steigern sein? Die Antwort lautet 'Ja'.

Chokebore sind sich mehr als treu geblieben, und haben ihren SloMo-Rock weiter perfektioniert. Quälend langsam schleppen sie sich von Akkord zu Akkord, und Sänger Troy Bruno Balthazar hat wie eh und je im Studio natürlich nur geweint. Niemals feierte eine Band übrigens so sehr den schönen Akkord E-Moll wie Chokebore es tun.

Aber wer Chokebore auf ihre - vermeintliche - Traurigkeit reduziert macht es sich zu leicht. Diese Band strahlt eine Faszination und Einzigartigkeit aus, der man sich nur schwer entziehen kann, sofern man sich auf diese Art von Musik einlässt. Wenn man ohne Kategorisierungen nicht auskommen mag, dann ist es in erster Linie natürlich 'Indie-Rock', und wahrscheinlich ist es auch 'Emo', weil ja heute alles Emo ist.

Aber in erster Linie geht es bei Chokebore um die Melodie, und um ein zum Teil erstaunlich traditionelles Arrangement. Aber immer neue unerwartete Distortion-Ausbrüche und Dissonanzen bringen Aufruhr in die melancholische Ruhe der Songs. Angenehm und wohltuend ist die beharrliche Schlichtheit von der die Lieder gekennzeichnet sind, und gerade diese Schlichtheit wurde von Chokebore mit den Jahren immer mehr verfeinert.

Zu den Chokebore-typischen Zeitlupensongs gesellt sich auf dieser neuen Platte das vielleicht poppigste Chokebore-Stück, welches mit seiner Klavierbegleitung an John Lennon gemahnt: "Ultra-Lite". Am Eindringlichsten und Niedergeschlagensten sind die Stücke "Police" und "Geneva" geraten, in denen Troy auch textlich wieder brilliert: It's snowing again in both of our heads, let's sit here and watch it fall ("Police"). My life is just like when you left it, full of rain filled with low lights and sad girls, I'm not alone when I'm without you ("Geneva").

Und quasi als Fortsetzung des "Black Black"-Superhits "You Are the Sunshine of My Life" findet sich auf "It's a Miracle" gleich mit dem Opener auch ein Song für die Independent-Disco; zu "Ciao L.A." lässt es sich wunderbar mit dem Nietengürtel wackeln.

Tipp: Diesen Tonträger zuerst auf einer Wiese liegend im Sonnenschein hören - man freut sich um so mehr über die Sonne. Danach vom Freund/von der Freundin verlassen werden und die Platte zu Hause allein und im Dunkeln hören - passt prima zur Stimmung. Dann aber nicht umbringen, sondern Band gründen und eigene Lieder machen.

Nils Hinnerk Schulz

Hamburg Rockt (2002)