Chokebore

1997, und die konventionelle handgemachte Gitarrenmusik, zusammengefasst meist als Rock bezeichnet, hat den medialen Tod überlebt, sollte man meinen, wenn man sich die Vielzahl genretypischer Releases so betrachtet. Und doch dreht sich seit dem letzten ernstzunehmenden Rettungsversuch in den 80igern, als Labels wie SST, Touch&Go oder Amphetamine Reptile versuchten dem damals schon totkranken Patienten neues Leben einzuhauchen, die ganze Sache im Kreise, so, daß man den derzeitigen Zustand mit dem Wort Koma umschreiben könnte (der Vergleich hinkt, ich weiß, aber was solls).
Immerhin bringt der Patient auch in diesem Zustand noch qualitätvolles zu Wege, aber wirklich Neues läßt sich nicht vernehmen. Symtomatisch dafür steht das 1988 von Tom Hazelmeyer gegründete Label Amphetamine Reptile. Mit einem nicht gerade kosmopolitisch zu nennenden Background versehen trampelten die Bands dieses Labels von Anfang an auf den Hörnerven ihres Publikums herum, wie man es bis dato stumpfsinniger und abgedrehter kaum je versucht hatte. Über das Gitarrenspiel eines T. Hazelmeyer bemerkten Labelmates Surgery "Tom is the only fuckin person in the World that can play a fuckin Guitar like he's fuckin benchpressing and still make it sound good". Wie gesagt, überraschend Neues läßt sich in diesem Genre nicht mehr erwarten aber dennoch schaffen es diese Bands immer wieder Perlen konvetioneller Gitarrenmusik hervorzuzaubern. Und einer dieser Perlenproduzenten wird uns zum zweiten Male beehren.
Chokebore ('96 zusammen mit Tocotronic) ist der Name dieser Kapelle. Aus Honululu stammend, haben sie sich dem ewigen Sonnenscheinsurferbuntehemdenklischee nur durch Flucht aufs Festland entziehen können und 1993 nach einigen Schwierigkeiten in der L.A. Rockszene bei AmRep einen Vertrag unterschrieben. Die Vorliebe zu merkwürdig gemusterten Hemden allerdings ist ihnen geblieben. Es folgten Touren mit Today Is The Day und Guzzard, Gigs mit Nirvana und den Butthole Surfers, auch die australischen Cosmic Psychos wurden supported. Freunden gepflegten Lärmes durfte auch die Clusterfuck Tour '94 noch im Gedächtniss geblieben sein. Im sogennanten Alternativsektor des Musikmarktes hatten Chokebore nach dem Ende Kurt Cobains alsbald den Ruf weg, die Nachfolger Nirvanas zu sein, was in Hinblick auf den gebotenen Sound auch in Teilen seine Richtigkeit haben mag. Andere Vergleiche bemühen Bands wie Pixies oder Jane's Addiction. Mit der nötigen Prise Pop ausgestattet werden Songs produziert, die das Zeug zu richtig schönen mainstreamigen Hits hätten, wäre da nicht eine gewisse, schwer zu beschreibende, Sperrigkeit, die das ganze erst interessant macht. Ja und live, was ja nun beim Rock das Entscheidende ist, wird die ganze Bandbreite, angefangen von unerwarteten Gitarrenattacken bis hin zu eigensinnigen Schlagzeugeinsätzen, ausgelotet.

Kay

Conne Island Newsflyer #30 (Februar 1997)