Chokebore, Tocotronic, der zweite Versuch

Es ist einfach Rockmusik...

Endlich haben wir einen waschechten Vertreter des Amphetamine Reptile Universums (nun ja die God Bullies, werden Wissende unter Euch meinen haben ja auch schon hier ihre fiesen Songs zum besten gegeben, aber die haben ja die Firma gewechselt) hier in unserem kleinen Provinznest. Was uns Anlass sein sollte ein klein wenig in der Story besagter Plattenfirma herumzustochern, wir wollen doch nicht, daß sich potentielle Leser oder gar hiesige Reszensenten ausgeschlossen fühlen oder ihren Lebensweg unbeleckt von den Erkenntnissen und auch Erzeugnissen überseeischer Plattenbosse abschließen müssen.
Also der "typische" Sound einer AmRep-Band ist zu beschreiben mit fies, boshaftig und gemein. Und vor allem hart. Hart aber in derartiger Form, daß einem diverse angeblich verdammt vom Leben gebeutelte Kapuzenträger aus NY wie gelangweilte Mittelstandskids vorkommen. Wobei die gelangweilten weißen Mittelständler eher bei AmRep zu finden sind, doch die machen aus ihren musikalischen Wurzeln keinen Hehl und versuchen trotz aller Mies- und Boshaftigkeit kein Rezept zur Neuerfindung des Straßenkampfes oder des Lebens ohne Drogen - und was der Verlogenheiten mehr sind - herauszuposaunen. Die im kommerziellen Sinne größte Band, welche vom Sprungbrett AmRep startete, war wohl Helmet...
Einige weitere Namen derartiger Bands wären Boss Hog, Cows, Tar, die schon erwähnten God Bullies, Surgery und nicht zu vergessen die göttlichen Melvins.
Und Chokebore, als die Popper von AmRep bekannt.
Gegründet in Hawaii und irgendwann auf's Festland gezogen, unterschrieben Chokebore 1993 bei AmRep. Wenn ich Hawaii lese, muß ich fast automatisch an Jürgen-von-der-Lippe-Fanhemden, süßliche Gitarrensounds und irgendwelche Surfer denken. (und natürlich an "one west waikiki" - rudi) Doch mit Surfmugge und Kleidung hatten Chokebore wohl schon immer nicht allzuviel am Hut. Verglichen wurden sie in der Vergangenheit von diversen Schreiberlingen mit den Pixies, Jane's Addiction und auch Nirvana.
Doch Schubladen und ähnliche Kategorisierungen konnte man bis jetzt erfolgreich umgehen. LoFi-Eigensinn und eine besondere Art mit Wörtern umzugehen und der Weg dieselbigen in die Ohren der geneigten Zuhörer zu bringen machen, um mal ein wenig schwülstig zu werden, den Charme Chokebores aus. Um das Ganze vielleicht ein wenig anschaulicher zu beschreiben, Notwist z.b. schlagen in eine ganz ähnliche Kerbe. POP mit diversen Kracheinlagen eben, nicht gar zu sperrig um den normalen Mainstream-Rock-Hörer zu verschrecken und nicht genügend glatt für eine breite Massenwirksamkeit. Oder, wie ein leider wahrscheinlich für immer in den Bergen verschwundener Kumpel, mal zu schreiben beliebte. "Unangenehme Auffe-Fresse-Mugge irgendwo im Spannungsfeld von Mainstream und Underground", wenngleich das erwähnte Zitat mehr so allgemein auf das AmRep Output gemünzt war.
So, da wären wir ja wieder glorreich beim Label gelandet und bei der Beschreibung dessen, was es im Speziellen ausmacht. AmRep Combos vollführen Krach um des Kraches willen. Es wird geschraddelt und gerumst was das Material so aushält, eine geniale Mischung aus Stumpfsinn, Intelligenz und bodenloser Abgedrehtheit, weitab jeder Korrektheit wird hier mit Freude musiziert, aber um Gottes willen nicht zum Spaß. Amphetamine Reptile gehört in eine Reihe grandios/obskurer Labels als da wären Matador, Drag City auch Sub Pop usw. Diese Namen und noch einige mehr können als ultimative Einkaufsempfehlungen gelten, Du kannst da einfach nichts falsch machen...


Obwohl ein paar Monate früher schon einmal angleicher Stelle zu lesen hier noch einige Worte zu Tocotronic:
Gegründet 1994 im bekannten Hamburger Schule, "Heft" und L'Age D'Or-Sumpf und schon da auffällig durch eine Art der Bekleidung, die jetzt etliche Jahre später regelrecht überhand nimmt (Enge-Werbe-T-Shirts-eklige-Trainingsjacken-Cordhosen-Kluft), gekennzeichnet. Musikalisch bewegte man sich auf LoFi Pfaden, d.h. es wurde und wird geschraddelt, was das Zweispur-Aufnahmegerät so alles aushält und auf Magnetband zu bannen vermag. Schon bald folgte der Sprung in die Gefilde der Kritiker und Publikumslieblinge, Tocotronic Texte, so wollen es manche gesehen haben, sollen auf die Sitz- und Arbeitsmöbel Hamburger Gymnasiasten geritzt worden sein, auch von Graffitis spricht die Sage. Ja, es gab Journalisten, die sich zu solch Lobesworten wie man hätte hier die Take That des dt. Unterground vor sich, verstiegen. (Wenn man sich die Rezeption der Werke dieser Combo in hiesigen Gymnasiasten- und Studentenkreisen so betrachtet, könnte man den Eindruck gewinnen, daß der Verfasser obiger Worte gar nicht so weit daneben lag). Flugs wurde ein Fanclub gegründet und ein Fanzine mit dem schönen Namen "Masterplan" (da hab ich doch letztens in einem der Leipziger Blätter was Drüber gelesen oder meinen die was anderes?) ins Leben gerufen. Es folgen Gigs und Festivals zusammen mit FSK, Blumfeld, Goldene Zitronen, Mountain Goats, Guided By Voices u.v.a.m. Die deutsche Musikfachpresse von Tempo bis PNG war des Lobes voll. Zurecht meine ich, hat man doch lange auf solche Textzeilen wie "Über Sex kann man nur auf englisch singen" oder "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" warten müssen. Sei's drum, die Aufschrift Tocotronic auf einem Tonträger entspricht einer Kaufempfehlung. Du kannst da einfach nichts falsch machen...


Oder vielleicht doch?

Du kannst, wenn z.B. der Haupt-Act auf der Autobahn im Schneegestöber hängenbleibt und der Veranstalter trotz 2 aufgetretener Bands so fair ist, Dir von 12 am Einlass zu zahlenden DM's 10 zurückzugeben, Dich aufführen wie der letzte Imbiss-Ossi-Proll bei Empfang des Begrüßungsgeldes (so geschehen bei dem ersten schiefgegangen Versuch eines Tocotronic-Konzertes im November, als sich ca 90% der Anwesenden nach diesem Muster verhielten).
Du kannst z.B. zu jenem Teil unseres geschätzten Publikums gehören, welcher meint, Nirvana und der ganze medienbekannt gewordene Seattle-Sound sei das Nonplusultra der Entwicklung der nordamerikanischen Undergroundmusikszene.
Du kannst natürlich auch das bei uns meistgefürchtete Klischee eines Studenten erfüllen, der alles weiß und doch noch nie irgendetwas begriffen hat. (Linkssein wollende Intifadalappenträger, die man Sonntagmittag im C.I. Café sieht und sonst nur zu Tocotronic oder Chumbawamba-Konzerten)
Du kannst freilich auch lokale Bands überdimensional supporten und jedes Konzert, so es erreichbar ist, besuchen, obwohl jene, bis auf wenige Ausnahmen, allenfalls Mittelmaß und nichtverarbeitete Wendekomplexe ausdrücken.
Wie ihr seht, ist mein Vorrat an Vorurteilen immens, was Euch aber nicht abschrecken sollte, Vorurteile sind zum Ausräumen da gelle?

Kay

Conne Island Newsflyer #20 (März 1996)