Chokebore - It's a Miracle

Nicht umsonst wohl heißt die neue Platte von Chokebore "It's a Miracle", denn das letzte Album "Black Black" der Exil-hawaiianischen und mittlerweile in L.A. ansässigen Band erschien 1998, damals noch auf Boomba Records, zuvor waren Chokebore übrigens beim mittlerweile nicht mehr aktiven Kultlabel Amphetamine Reptile gesignt. Naja, und ich dachte auch, dass da irgendwas nicht stimmen kann, als ich an einem Wochenende Anfang Mai diesen Jahres in der Zeitung den Namen Chokebore bei den Veranstaltungen las, hatte ich quasi seit der Veröffentlichung von "Black Black" nichts mehr von der Band um ihren mit einer sehr seltsam-schönen Stimme gesegneten Sänger Troy Bruno von Balthazar gehört und bin längst davon ausgegangen, dass Chokebore sich irgendwann stillschweigend aufgelöst haben müssen. Und dann das! Die angekündigte Show fand wirklich statt und Chokebore legten an besagtem Abend einen Zweistundengig hin, der besser kaum hätte sein können: Hits haben sie mit jetzt insgesamt fünf full lenth Platten nun ja zur Genüge, aber auch der Sound und das Zusammenspiel von Chokebore war einfach phantastisch an besagtem Abend, atmosphärisch dicht, mal zerbrechlich, mal ungemein rockig, einfach schön eben (zumal es mir bislang nicht vergönnt war, die Band vorher einmal live zu sehen). Die neue Platte hatten sie beim Konzert noch nicht dabei, sonst hätte ich das Teil umgehend gekauft, einfach weil die Show so gut war und auch vor allem die beiden letzten Chokebore Werke "A Taste for Bitters" und eben "Black Black" immer wieder mal auf meinem Plattenteller landen. Aber jetzt hab ich "It's a Miracle" ja, und der Liveeindruck bestätigt sich: Chokebore sind so gut wie eh und je und die neue Platte vielleicht sogar noch eine Spur stringenter und hitkompatibler als seine Vorgänger. Der Opener "Ciao L.A." gibt die Richtung vor, ein für Chokebore Verhältnisse beinahe schnelles und fast schon beängstigend eingängiges Stück, supercatchy und groovy, von der Art her möchte man fast an eine Band wie Weezer denken, wobei spätestens wenn Troy Bruno mit seinem irgendwo zwischen Jammern und melodischem Leiern angesiedelten, unverkennbaren Gesang einsetzt, der jedem Gesangslehrer vermutlich die Tränen in die Augen treiben dürfte, so unkonventionell klingt das, unmissverständlich klar ist, dass hier keine andere Band als eben Chokebore am Werke sein kann. Auch der Text von "Ciao L.A." ist interessant und offensichtlich ein Hinweis darauf, dass irgendwas nach 1998 schiefgelaufen sein muss bei Chokebore, denn dort heißt es: "I'm not here I'm looking out into the distance, I'm not here I'm looking back against the tour of Black Black (you can't make me stay, I am not like you are. I wont stay in L.A. and die inside my car)...." Naja, auf jeden Fall klingt die Platte wie der schlagende Beweis dafür, dass aus einer Menge Problemen, Tränen und Schmerz immer noch die besten Platten geboren werden, und irgendwie total traurig schön klangen Chokebore ja eh schon immer. Mit Trauersongs wie dem mit so einer Art Sitarmelodie versehenen "Snow" oder dem extrem zerbrechlich und zart daherkommenden "Police" mit seinen dezenten Pianoklängen könnte man wahrscheinlich wirklich Schnee zum Schmelzen bringen oder Demonstrationen gewaltfrei auflösen o.ä., so wunderbar und wunderschön sind diese Stücke. Und auch wie traumwandlerisch sicher und perfekt aufeinander abgestimmt Chokebore mittlerweile mit ihrem ganz eigenen Sound klingen, ist äußerst bemerkenswert, solch ein Qualitätslevel kann eine Band wahrscheinlich erst erreichen, wenn sie über zehn Jahre in derselben Besetzung zusammenspielt. Kurz und knapp eine der mit Abstand besten Indieplatten der letzten Zeit und ein ebenso erfreuliches, großartiges Comeback wie jenes im Falle von Girls Against Boys. Fast wie ein "Little Dream" (ein weiterer Songtitel) & als hätte es so eine Scheiße wie "Emocore" mit Tausenden von überflüssigen Bands, die alle gleich erbärmlich langweilig klingen, nie gegeben.......

Thomas Jänsch

Broken Violence (Juni 2002)