2002/11/11, Tanzhalle St. Pauli, Hamburg

Bittersüße Seelenmusik

Herbst und Minustemperaturen. Tagsüber grau in grau, abends Frost. Unter diesen Bedingungen ist folgende Konstellation nicht günstig: Vier Hawaiianer in Hamburg. In Gedanken an das sprichwörtliche Paradies auf Erden, müssen die Musiker von Chokebore sich in der windigen Hafenstadt doch sehr unwohl fühlen. Dafür kommen sie allerdings viel zu oft und auch noch gerne, um Menschen zu treffen und ein Konzert zu geben.
Hawaii hat sie flüchten lassen, Hamburg nimmt sie auf. Von Beginn an ist der Auftritt mehr Heim- als Wiederkehr. Ist die Rede von "friends", heißt es, es wäre "good to see you again".
So ist die Stimmung angenehm entspannt, in einem fortlaufend heiteren Dialog; werden die Stücke von der Bühne angekündigt, bisweilen einleitend erklärt und aus dem Publikum kommen immer neue Titel-Wünsche, die, nachdem sie lächelnd quittiert wurden, umgehend erfüllt werden. Auch, wenn sie nicht zum gegenwärtig geprobten Repertoire gehören. Nicht in der Lage, Bitten auszuschlagen heißt es dann, dem Wortlaut nach, bevor Smaller Steps gespielt wird: doch bitte dem Sänger auf den Mund zu schauen, während er einen neuen Text erfände, da dies lustig aussähe.
Im Gegensatz zur allgemeinen Heiterkeit steht die Musik. Tief traurige Texte, zerbrechliche Harmonien sind wesentliche Bestandteile. An diesem Abend geschehen daher einige Verwandlungen unter dem Licht der Scheinwerfer. Das Wohlbefinden der Musiker weicht, sobald der jeweils erste Ton erklingt. Trauer und Schmerz werden nicht dargestellt, sondern durchlebt. Was in den Liedern inhaltlich thematisiert wird, ist nicht nur hörbar, es lässt sich aus Gestik und Mimik des Quartetts ablesen. Geneva, Days of Nothing und Valentine erklingen in Zeitlupentempo, während ebenso wie die musikalische Struktur, die Band beinahe auseinanderzufallen droht. Während der langsamen, zum Teil ganz leise gespielten, ja, Balladen, sehen sie zerbrechlich und ausgemergelt aus, von Strapazen gezeichnet, vom absurden Dasein gepeinigt. Spielen sie dagegen brachial - Alaska, Narrow, Lemonade -, entlädt sich Energie in einem kollektiven Aufschrei von Stimme und Instrumenten. Scheinen die menschlichen Hüllen eher zu zerbersten, damit Empfundenes nach außen dringen kann.
Strebt der Auflösung entgegen, einer Befreiung. Einer Vereinigung weicher Seelen in Liebe. Mit viel Gefühl. Als Mittel dient die Musik:
"And it's like I swim in sound and the way it feels means everything for me" heißt es für Chokebore.

Tobias Stalling

Alternative Nation